
Einfach von Grund auf neu durchdacht
Ich als Mentaltrainer übernehme viele Dinge nicht einfach automatisch,
sondern mache mir meine eigenen Gedanken dazu. Ich leiste mir sozusagen
den Luxus, selbst zu denken. Dies habe ich auch bei den Schachregeln so
gemacht - und da kommt mir manches doch sehr komisch vor, um nicht zu
sagen, sogar falsch. Nachfolgend habe ich meine Gedankengänge etwas
präzisiert und auch detailliert ausgeführt, warum ich zu dieser oder
jener Meinung (Ansicht) gekommen bin.
Schach symbolisiert den Kampf zweier Heere
Ich
verrate kein Geheimnis, wenn ich darauf hinweise, das Schach ein Spiel
ist, welches den Krieg auf dem Schachbrett simuliert - in friedlicher
Weise sozusagen. Daher ist auch die Bezeichnung falsch, dass Schach ein
kriegerisches Spiel ist. Aber immerhin, das Ziel ist es, den König matt
zu setzen, also den König zu erlegen. Schach matt heißt ja immerhin: "Der
König ist tot." Das ganze Spiel symbolisiert ein Heer mit
Infanterie und Kavallerie, Fußvolk, Offizieren, König und
Königin.
Die
Regeln sind nun an diese Szenerie angelehnt und haben so gesehen auch sehr
viel Logisches. Das ist mal die Eröffnung, irgendeiner muss ja mal
anfangen, das Mittelspiel - hier tobt der Kampf - und dann noch das
Endspiel. Die Figuren- und Chancengleichheit ist zwar in der Praxis nicht
immer gegeben, aber sie ist fürs Spiel wichtig, denn sonst wären die
Regeln zu kompliziert oder überhaupt nicht zu erstellen.
Was stört oder fehlt an den bisherigen Regeln?
Einige
Punkte sind mir beim Durchdenken doch aufgefallen, die einerseits gar
nicht ins Spiel passen und andererseits sogar kontraproduktiv sind. Hier
sind sie:
-
Zugzwang
-
Patt
-
den
König schlagen
-
Rochade
neu
-
Sperrfeuer
Zugzwang wozu?
Eine
Regel, die dem tatsächlichen Kampfgeschehen widerspricht und auch für
das Spiel nicht notwendig ist. Wie oft kommt es in der Praxis doch vor,
dass man einfach nicht handeln kann? Sehr oft. Man hat in diesem Fall eben
die Folgen, den Schaden zu tragen. Im Schach sollte es genauso sein. Ein
Gegner wartet nicht, ob ich meine Verteidigung aufbauen kann oder nicht.
Ich kann ihn auch nicht zwingen dazu. Darum sollte jeder Schachspieler
auch die Möglichkeit haben, nicht zu ziehen.
Man
nehme nur mal die Situation bei einer Belagerung. Eine Belagerung ist ja
eine typische Kampfsituation und kommt im Krieg oft vor. Stellungen werden
belagert, Burgen, Bunker und ganze Städte. Der Sinn einer Belagerung ist
es ja, den Gegner kampfunfähig zu machen und zu schwächen, wenn es sein
muss, dann auch auf lange Zeit. Während der Belagerte von der Versorgung
abgeschnitten ist, kann der Belagerer nach Belieben weitere Truppen und
Waffen heranziehen, Lebensmittel besorgen u.ä.m. Wenn nun in der Praxis
der Belagerte nicht mehr ziehen kann oder sogar kampfunfähig ist, dann
kann es doch niemals ein Unentschieden geben. Viele Burgen sind schon
durch Belagerung erobert worden. Daher: Weg mit dem Zugzwang!
Die
Praxis kann dann so aussehen:
Spieler A zieht nicht, dann kommt B dran. Spieler A schreibt in sein
Formular einen Strich und drückt die Uhr. Zieht auch B nicht, dann ist
das ein Remis.
Patt wozu?
Wie
bereits beim Zugzwang ausgeführt, ist es ja ein kriegerisches Ziel, den
Gegner bewegungs- oder kampfunfähig zu machen. Wenn mir das dann im Spiel
gelungen ist, dann ist (nach den jetzigen Regeln) der Gegner patt und das
Spiel ist unentschieden. Das ist ja völlig verkehrt!
In der Realität, also im Krieg wird mein Gegner diese Situation ja
wieselflink ausnutzen, denn sonst hätte ja der Krieg überhaupt keinen
Sinn. Die logische Schlussfolgerung daraus lautet daher: Patt
wozu? Das Patt kann und sollte man sofort abschaffen! Statt dessen
tritt die Zugaussetzung in Kraft und er Gegner kann sich in aller Ruhe
überlegen, wie er den König nun matt macht.
Der König darf nicht geschlagen werden?
Diese
Regel widerspricht dem Krieg an sich. Wenn es das Ziel ist, den König zu
erlegen, dann ist es wohl logisch, dass ich den König bei einer
Unachtsamkeit des Gegners auch schlagen kann. Das ist ja mein Ziel, warum
sollte das dann nicht gehen?
Der
Gegner muss halt entsprechend auf seinen König aufpassen. Auch in der
Realität wurden schon viele Könige erledigt. Warum sollte das im Schach
anders sein? Die logische Forderung lautet daher: Auch der König darf
geschlagen werden! Warum sollte es im Schach anders sein als im
Leben?
Außerdem, wenn die en-passant-Regel bei Bauern gilt, warum sollte sie
dann nicht auch beim König gelten? Beispielsweise bei einer falsch
durchgeführten Rochade? Es ist kein Grund dafür zu sehen.
Variable Aufstellung
Kein
Feldherr würde auf die Idee kommen, sein Heer immer gleich aufzustellen
und zu gruppieren. Das kommt auf die Lage an, auf die Topographie,
auf das Stärkeverhältnis und vieles mehr. All diese strategischen
Möglichkeiten, fehlen beim Schach. Kommt es zu einer Schlacht, so hat in
der Realität der König meist ausreichend Zeit, zu überlegen, ob er sich
in einer Burg verschanzt, an vorderster Front kämpft oder seine Offiziere
erst mal in die Schlacht schickt. Je nachdem, ob er an Angriff oder
Verteidigung denkt. Beim Schach sollte dieses strategische Element
zumindest teilweise auch zum Zug kommen.
Daher
folgender Vorschlag:
Türme, Springer und Läufer können frei auf der Grundlinie
aufgestellt werden. Die Bauern bleiben wie gehabt. Es sind dann also
auch 2 schwarzfeldrige Läufer oder 2 weißfeldrige Läufer
möglich. König und Dame bleiben wie gehabt. Die Offiziere und die Türme
können variiert werden. Es sind dann auch 2 Türme auf einer Seite
möglich, genauso 2 Springer oder 2 Läufer.
Rochade neu
Die
Rochade-Regel ist ja wohl eine sehr eigenartige. Wenn es dem König
möglich ist, trickreich mit dem Turm die Position zu wechseln, dann
sollte das nicht nur 1x, sondern immer möglich sein. Das würde auch den
besonderen Fähigkeiten eines Königs entsprechen. Dazu ist aber eine Rochade
neu notwendig. Die neue Regel sollte wie folgt lauten: Rochade neu:
Der König kann auf der Grundlinie über den Turm springen. Dazu ist es
erforderlich, dass der Turm unmittelbar neben dem König steht und ein
Feld links oder rechts vom Turm frei ist. Damit ist die lange und kurze
Rochade hinfällig. Aber der Vorteil bei der neuen Rochade ist der, dass
der König diese "Rochade neu" immer ausführen kann, also auch
wieder zurück springen kann. Allerdings nur auf der Grundlinie. Er kann
sich somit einem Schach entziehen oder seine Position schnell
ändern. Und das nicht nur einmal, sondern ständig. Verlässt er
allerdings die Grundlinie, also den geschützten Hafen, dann ist es mit
dieser "Kunst" vorbei. Erst wenn er wieder auf seine
Grundlinie zurückkehrt, ist diese Rochade wieder möglich.
Sperrfeuer
In
der heutigen Kriegsführung ist das Sperrfeuer eine Standardvariante. Wenn
jemand in ein Gebiet gerät, dass mit Sperrfeuer belegt ist, dann hat das
üble Folgen. Im Schach sollte es genauso sein. Ein Turm kann ein
Sperrfeuer errichten, eine Dame und ein Läufer ebenso. Der Springer hat
eher die Fähigkeit, Felder zu verminen. Wie funktioniert das Sperrfeuer
nun?
Man sollte nicht über Bereiche fahren, die mit einem Sperrfeuer belegt
sind. Angenommen die schwarze Dame steht auf a7 und möchte auf der 7.
Reihe nach h7
fahren. Die ganze 7. Reihe ist frei, aber auf d1 steht ein weißer Turm
und der hat freie Bahn bis zum Feld d8. Die schwarze Dame müsste nun das
Sperrfeuer kreuzen. Bisher war dies problemlos möglich (warum
eigentlich?). In der neuen Variante sollte das aber nicht mehr möglich
sein, bzw. könnte die schwarze Dame dann vom weißen Turm geschlagen
werden. Er nimmt dann den Platz am Kreuzungspunkt des Sperrfeuers
ein. Übersieht das der weiße Spieler aber, so kann er im nächsten Zug
oder später daran
nichts mehr ändern. Die Dame ist dann eben durchs Sperrfeuer gekommen.
Sperrfeuer:
Die neue Regel gilt für den Turm, den Läufer und die Dame. Die anderen
Figuren hatten das Sperrfeuer bisher schon. Ein Springer kann durch
Überqueren des Sperrfeuers nicht erlegt werden, nur wenn er genau auf ein
bedrohtes Feld fährt. Aber das war ja bisher schon so. Auch der König
oder ein Bauer können ein Sperrfeuer errichten.
Anmerkung:
Die hier ergänzend angeführten Regeln würden das Spiel der Könige
nicht nur interessanter, lebhafter und variantenreicher machen, sondern
auch den Praxisbezug verstärken. Vielfach hört man ja schon, dass beim
Schach schon so viel ausanalysiert wurde und sich daher schon sehr viele
Varianten totlaufen. Das Aussetzen des Zugzwanges, das Schlagen des
Königs. das Eliminieren von Patt, das strategische Aufstellen und das Sperrfeuer würden wieder neue,
erfrischende Impulse bringen.
DWkfm. Wolfgang Hauptwall
Graz im Jänner 2006
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