FLS 1912 - Bildbeschreibung
DE - 5 (Kriterien)


Kriterien für die gesuchte Schachstellung

Nachdem die Entscheidung gefallen war, eine interessante Schachstellung abzubilden, musste nur noch das "richtige Stellungsmotiv" gefunden werden. Die schwer zu erfüllenden Kriterien dafür waren folgende:

  • Nicht zu viele Figuren auf dem Brett, um die Übersichtlichkeit zu gewährleisten. Also keine Eröffnungsstellung;

  • andererseits aber auch nicht zu wenig Figuren, damit die bildliche Ausgewogenheit zwischen Brett und Figuren gegeben ist (also keine typische Endspielstellung mit wenig Figuren);

  • aus gestalterischen Überlegungen sollten auch so markante Figuren wie Springer, Turm und Dame noch in der Stellung vorhanden sein;

  • die Stellung sollte weiters eine ungewöhnliche Lösung beinhalten, die von der großen kombinatorischen Kraft der Schachmeister zeugt;

  • der Lösungszug sollte ein schwer zu findender und nicht sofort durchschaubarer Zug sein. Ein Zug, bei dem der Geist über das Material siegt. Ähnlich den Regeln für die Komposition eines Schachproblems, bei dem mit dem Lösungszug - aus ästhetischen Gründen - keine andere Figur geschlagen, aber auch nicht Schach geboten werden darf. Ein sogenannter "stiller Zug" also;

  • und last not least sollte das Schachbrett und die Figuren korrekt dargestellt sein. Man glaubt gar nicht, bei wie vielen - auch bekannteren Bildern - dies nicht der Fall ist. Die Künstler hatten oft keine Ahnung vom Schach und malten hurtig drauf los. Das Ergebnis war  nicht selten ein wesentlicher "Schönheitsfehler" im Gemälde. Da hatten die Schachbretter 56 Felder, oder 81 oder 49 oder 45 usw. Die Figuren waren falsch aufgestellt oder das Brett nicht korrekt ausgerichtet u.ä.m. Es gibt leider zahlreiche Dokumente dafür.

All diese Vorgaben stellen eine sicher nicht leicht zu lösende Aufgabe dar. Mit der Partie des amerikanischen Großmeisters  Frank James Marshall konnte (nach dreimonatiger intensiver Suche) endlich eine Stellung gefunden werden, die all diesen Anforderungen und Kriterien gerecht wurde. Ein Motiv, das auch den anspruchsvollsten Schachspieler zufrieden stellen wird. 

Maler: Helmut Lichtenegger; Stellungsauswahl + Bildkonzeption: Wolfgang Hauptwall, beide Graz.


  Die Geschichte dieser Partie

Schachpartie Lewitzky gegen Marshall 1912
Großmeister Fank James Marshall spielte diese Partie im Jahre 1912 in Breslau mit den schwarzen Steinen gegen den jungen russischen Meister Lewitzky. Im 23. Zug entstand dann die ausgewählte Stellung, in der Weiß den Turm und die Dame des Gegners angegriffen hat. Schwarz musste nun eine Lösung finden, um nicht wesentlich in Nachteil zu geraten. Eine Lösung, die aber nicht zu sehen war. Wie sollte man beide Drohungen gleichzeitig parieren? 
Diagramm zum Vergrößern anklicken!

 

Mit einem Zug unsterblich?!

Die Reaktion auf diesen Zug ist bereits Geschichte. Zuerst Stille - hatte sich der Meister verrechnet? War es ein Übersehen? - oder gar ein Verzweiflungszug, der den jungen Lewitzky verwirren sollte..? 

Doch dann brandete im Turniersaal plötzlich frenetischer Applaus auf. Angeblich wurden  sogar Goldmünzen auf das Brett geworfen. Marshall hatte sich soeben mit einem einzigen Zug in der Schachgeschichte verewigt. Mit einem Zug, den viele Experten als den bisher schönsten Gewinnzug der Schachgeschichte bezeichneten. Übrigens. Weiß gab die Partie danach sofort auf. 
(Texte: Wolfgang Hauptwall, 1990)


... und hier ist die
  gesamte Partie inkl. Auflösung

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