| Kriterien
für die gesuchte Schachstellung
Nachdem
die Entscheidung gefallen war, eine interessante Schachstellung
abzubilden, musste nur noch das "richtige Stellungsmotiv"
gefunden werden. Die schwer zu erfüllenden Kriterien dafür waren
folgende:
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Nicht
zu viele Figuren auf dem Brett, um die Übersichtlichkeit zu
gewährleisten. Also keine Eröffnungsstellung;
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andererseits
aber auch nicht zu wenig Figuren, damit die bildliche Ausgewogenheit
zwischen Brett und Figuren gegeben ist (also keine typische
Endspielstellung mit wenig Figuren);
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aus
gestalterischen Überlegungen sollten auch so markante Figuren wie
Springer, Turm und Dame noch in der Stellung vorhanden sein;
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die
Stellung sollte weiters eine ungewöhnliche Lösung beinhalten, die
von der großen kombinatorischen Kraft der Schachmeister zeugt;
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der Lösungszug
sollte ein schwer zu findender und
nicht sofort durchschaubarer Zug sein. Ein Zug, bei dem der Geist
über das Material siegt. Ähnlich den Regeln für die Komposition
eines Schachproblems, bei dem mit dem Lösungszug - aus ästhetischen
Gründen - keine andere Figur geschlagen, aber auch nicht Schach
geboten werden darf. Ein sogenannter "stiller Zug" also;
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und
last not least sollte das Schachbrett und die Figuren korrekt
dargestellt sein. Man glaubt gar nicht, bei wie vielen - auch
bekannteren Bildern - dies nicht der Fall ist. Die Künstler hatten
oft keine Ahnung vom Schach und malten hurtig drauf los. Das Ergebnis
war nicht selten ein wesentlicher "Schönheitsfehler"
im Gemälde. Da hatten die Schachbretter 56 Felder, oder 81 oder 49
oder 45 usw. Die Figuren waren falsch aufgestellt oder das Brett nicht
korrekt ausgerichtet u.ä.m. Es gibt leider zahlreiche Dokumente
dafür.
All
diese Vorgaben stellen eine sicher nicht leicht zu lösende Aufgabe dar.
Mit der Partie des amerikanischen Großmeisters Frank James Marshall
konnte (nach dreimonatiger intensiver Suche) endlich eine Stellung gefunden
werden, die all diesen Anforderungen und Kriterien gerecht wurde. Ein
Motiv, das auch den anspruchsvollsten Schachspieler zufrieden stellen wird.
Maler: Helmut Lichtenegger; Stellungsauswahl + Bildkonzeption: Wolfgang
Hauptwall, beide Graz.
Die Geschichte dieser Partie
Großmeister
Fank James Marshall spielte diese Partie im Jahre 1912 in Breslau mit den
schwarzen Steinen gegen den jungen russischen Meister Lewitzky. Im 23. Zug
entstand dann die ausgewählte Stellung, in der Weiß den Turm und die
Dame des Gegners angegriffen hat. Schwarz musste nun eine Lösung finden,
um nicht wesentlich in Nachteil zu geraten. Eine Lösung, die aber nicht
zu sehen war. Wie sollte man beide Drohungen gleichzeitig parieren?
Diagramm zum Vergrößern anklicken!
Mit einem Zug unsterblich?!
Die
Reaktion auf diesen Zug ist bereits Geschichte. Zuerst Stille - hatte sich
der Meister verrechnet? War es ein Übersehen? - oder gar ein
Verzweiflungszug, der den jungen Lewitzky verwirren sollte..?
Doch dann brandete im Turniersaal plötzlich frenetischer Applaus auf.
Angeblich wurden sogar Goldmünzen auf das Brett geworfen. Marshall
hatte sich soeben mit einem einzigen Zug in der Schachgeschichte verewigt.
Mit einem Zug, den viele Experten als den bisher schönsten Gewinnzug der
Schachgeschichte bezeichneten.
Übrigens. Weiß gab die Partie danach sofort auf.
(Texte: Wolfgang Hauptwall, 1990)
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